Die Elektronische Gesundheitsakte ELGA

Am Donnerstag dem 27.02.2014 fand die Diskussion über Elektronische Gesundheitsakte (ELGA) in der Ärztekammer Steiermark statt. Im Jänner 2014 wurden ein ELGA-Portal und eine Widerspruchsstelle eingerichtet, ab 2015 werden öffentliche Krankenanstalten und Pflegeheime schrittweise der ELGA Informationen zur Verfügung stellen.

Was ist die ELGA?
Die elektronische Gesundheitsakte, kurz ELGA, ist ein Kommunikations- und Informationssystem, mit dem medizinische Informationen zwischen PatientInnen, Spitälern und Apotheken schnell ausgetauscht werden können. Zeit- und ortsunabhängig können behandelnde ÄrztInnen auf Krankheitsgeschichte, aktuelle Medikation, Vorbefunde und Untersuchungen zurückgreifen. Das Ziel des neuen Systems ist es, die medizinische Betreuung durch einen vereinheitlichten Informationsfluss zu verbessern.

„Wir sind nicht gegen die elektronische Verarbeitung von Gesundheitsdaten, aber wir sind gegen die jetzige Lösung der ELGA in ihrer momentanen Form.“
– Dr. Herwig Lindner, Präsident der Steirischen Ärztekammer

Welche Rechte habe ich im Bezug auf ELGA?
Prinzipiell nehmen alle Bürger und Bürgerinnen an der ELGA teil, solange sie sich nicht aktiv davon abmelden. Eine Abmeldung, ein sogenannter „Opt Out“, ist jederzeit möglich und kann sowohl den kompletten Austritt aus der ELGA als auch bestimmte Kategorien, wie beispielsweise psychische Erkrankungen oder aktuelle Medikationen betreffen.
Außerdem können PatientInnen bewusst gewisse Gesundheitsdaten nicht in die ELGA einspeichern lassen, eine HIV-Infektion, Schwangerschaftsabbrüche oder genetische Erkrankungen, um nur ein paar Beispiele zu nennen.
Generell haben PatientInnen das Recht, ihre Gesundheitsdaten jederzeit uneingeschränkt einsehen, speichern und ausdrucken zu können.

Die Podiumsdiskussion der Ärztekammer
In den zwei Stunden der Diskussion zeigt sich, wie umstritten die Vor- und Nachteile sind, aber auch, welche Unstimmigkeiten sowohl auf Seiten der Befürworter und Gegner, als auch untereinander bestehen.
Anschließend wird das Podium präsentiert, bestehend aus einem Moderator und vier Diskutanten, jeweils Professoren für Informationssysteme bzw. ÄrztInnen mit Kenntnissen in Informatik, Public Health und Gesundheitsökonomie.
Im Folgenden gibt es eine grobe Wiedergabe der Argumente, die stellvertretend für eine längere Diskussion stehen.

„Ich habe in meiner Hausarztpraxis weniger als 3 min Zeit für einen Patienten und bekomme nur 3,80 EUR dafür. Mit ELGA habe ich noch weniger Zeit mit dem Patienten zu reden.“
Die finanzielle Entlohnung an sich ist kein Thema, das die ELGA betrifft. Das Argument, dass pro Patient immer weniger Zeit zur Verfügung steht ist vielschichtig und auch ein zum Teil schon bestehendes Problem. Theoretisch sollte mit ELGA mehr Zeit pro Patient bleiben, da der Informationsfluss aus Vorbefunden uä. standardisiert wird. Eine Beurteilung diesbezüglich könnte aber nur mit einem Testlauf geklärt werden.

„Ich brauche mit dem Computer länger, als wenn ich mir einfach Zettel durchsehen würde.“
Ein schwieriger Punkt ist, dass manche Ärzte wieder weniger EDV bezogene Dokumentation bevorzugen würden. Es ist durchaus in Ordnung, aber der PC ist eigentlich schon Teil unseres medizinischen Alltags. Des Weiteren sind schon fast alle Patientendaten digitalisiert – im Moment nur in proprietären Lösungen einzelner Spitalsbetreiber, wie z.B. das Medocs der KAGes oder anderen Systemen, wie z.B. die der GKK. Das Ziel der ELGA wäre es, das zu vereinheitlichen und somit einen Verzicht auf die vielen gedruckten Dokumente (alias: „Zettelwirtschaft“) zu ermöglichen.

„Wenn ich mir die Daten vom Patienten nicht ansehe – und das kann ich nicht, dafür hab ich keine Zeit - dann bin ich haftbar“.
Das Problem existiert nicht nur mit der ELGA, da das bestehende Informationssystem (z.B. in der KAGes das Medocs) wie auch alte Befunde in Papierform eigentlich durchsucht werden müssten. ELGA sollte hier eigentlich sogar eine Erleichterung sein, denn in standardisierten Dokumenten ist die wichtige Information immer am gleichen Ort zu finden – anders als jetzt, wo diese Daten oft irgendwo stehen.
Die anwesenden Ärzte sagten, dass sie kein Demosystem zur Verfügung gestellt bekommen haben, womit diese Kritik sicher auch gerechtfertigt ist – schließlich können sie im Moment nicht wissen, ob wirklich keine wichtigen Informationen verloren gehen würden.



Auch das Lager der ELGA-Befürworter ist sehr heterogen. Wichtige Statements waren:

„Arztbriefe und Befunde wären jederzeit abrufbar und sind für alle, die mit dem Patienten zu tun haben immer und sofort zugänglich.“
Das lästige Suchen nach fehlenden Befunden würde also entfallen. Niedergelassene Ärzte (Hausärzte, Radiologen, Labormediziner) speisen ihre Daten direkt in ein System ein und z.B. in einer Notaufnahme könnte man sich sofort ansehen, wie der Zustand des Patienten gestern war. Im Moment hat man z.B. in der EBA keinerlei Zugriff auf die Medikation von Herrn X, wenn der selbige sie nicht kennt oder schriftlich bei sich trägt.
Schlimmstenfalls verursacht man eine tödliche Arzneimittelinteraktion. Das Fehlen einer (Medikamenten-) Anamnese und Vordiagnosen bei Patienten, die keine Auskunft geben können, würde somit entfallen.
Leider ist das in ELGA nicht so klar umgesetzt, wie es oft suggeriert wurde. Nachteile von ELGA sind vor allem, dass der Patient entscheiden kann, dass gewisse Diagnosen und Therapien nicht im System aufscheinen („Widerspruchsregel“). Das kann als fahrlässig erachtet werden, denn diese Widerspruchsregel macht das System wenig verlässlich, auch wenn es dem Bedürfnis nach Selbstbestimmung des Einzelnen natürlich entspricht.
Was in diesem Zusammenhang höher zu bewerten ist, ist leider eine schwierige ethische Frage.

„Die elektronische Gesundheitsakte sollte einen besseren Informationsfluss zwischen Ärzten, Laboren und Spitälern ermöglichen.“
Leider mehren sich die Hinweise, dass es ebenso als „Controlling“ Organ genutzt werden soll. Dazu die Aussage einer Mitarbeiterin der ELGA Ges.m.b.h.: „Es geht nicht um den gläsernen Patienten. Es geht um den gläsernen Arzt“. Da kann man natürlich anführen, dass z.B. in der Reanimation, der Herzinsuffizient, der Trauma-Versorgung das Messen der Performance (inkl. Feedback) die Mortalität und Morbidität reduzieren kann. Aber dafür ist ELGA nicht designed worden und solange nicht spezifiziert wird, welche Ziele genau im Sinne des Controllings verfolgt werden, ist die große Skepsis gegenüber diesem System verständlich. Immerhin ist ärztliches Handeln oft mehr als Naturwissenschaft und umfasst auch die Empathie, welche sich leider (glücklicherweise?) nicht quantifizieren lässt.

„Die Usability (also wie einfach/effizient das System benutzbar ist) ist sehr schlecht.“
Das ist bei den beschränkten Ressourcen ein ernsthafter Vorwurf, immerhin zeigen Befragungen der Ärztekammer, dass schon fast ein Drittel der Zeit der Spitalsärzte für Dokumentation aufgebracht werden muss. Diese Zeit geht in der Therapie/Untersuchung ab und verlängert Wartezeiten. Völlig unverständlich ist es auch, dass kein Testsystem online ist. So sollten Ärzte, die Möglichkeit bekommen, das System zu testen, Mängel aufzudecken und qualifiziertes Feedback geben.

„Der Datenschutz ist nicht gewährleistet.“
Die Datenschutzbedenken werden durchwegs hitzig diskutiert. Kritische Stimmen meinen, dass der Datenschutz im Moment so schlecht ist, dass er mit ELGA auch nicht schlimmer werden kann. Eine Anekdote: Auf der Uniklinik Graz war eine bestimmte, allgemein bekannte, Benutzername/Passwort Kombination (wobei diese auch noch ident sind) im Umlauf, mit der man Zugriff auf Medocs Daten hatte. Allerdings wäre das Risiko/der Schaden natürlich wesentlich größer, wenn alle Daten aus Österreich an einem (digitalen) Ort lagern würden.

Referat für Bildungspolitik

Roxana Wimmer
Roxana Wimmer
Martin Grübler
Martin Grübler
Franziska Cichini
Franziska Cichini